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(Betzinger Blättle vom 09.12.2005)
Leise und laute Töne beim Jubiläumskonzert in der Mauritiuskirche
Der konzertante Höhepunkt im Jubiläumsjahr der Mauritiuskirche fand am vorletzten Sonntagabend seinen Abschluss. Dazu lieferte Händels Orgelkonzert Nr. 7 B-Dur im Vorfeld der Misa Tango-Aufführung die feine, melodisch getragene Klangfülle. Jürgen Schwab an der Orgel legte sich in seinem Spiel fest, als hätte er eine Partitur von Arcangelo Corelli zu interpretieren: wechselvolle Satztempi, bei denen Streicher und Orgel einen abwechslungsreichen Dialog führten. Den Zwischenpart in der gut besuchten Mauritiuskirche übernahm Daniele di Bonaventura. Als Komponist, Arrangeur und Virtuose am Bandoneon (laut Duden: Handharmonika mit Knöpfen zum Spielen an beiden Seiten) dominierte seine Improvisationskunst. Fast wie ein Zauberer entlockte er dem kleinen Instrument eine unendliche Skala an Tönen - mal staccato, mal schwermütig wie eine Tangomelodie, aber immer eine Klangkomposition, die auch die Tradition der 500 Jahr alten Kirche nicht sprengte.
Der Auftritt der Betzinger Sängerschaft in Verbindung mit der Süddeutschen Philharmonie unter der Leitung von Martin Künstner ging von einem nicht ganz einfachen "musikalischen Unterfangen" aus. Luis Enrique Bacalov, Pianist und Komponist, 1933 in Argentinien geboren, lebt heute in Rom. Neben Tangos komponierte er auch Filmmusik. Schon in dieser Filmmusik spielt das Bandoneon neben der Mandoline eine herausragende instrumentale Rolle.
Vorsorglich gingen die Verantwortlichen der Sängerschaft im Programmheft auf die Besonderheiten der an vielen Stellen vom Chor beherrschten Aufführung ein: "Auch Bacalovs 1997 entstandene 'Misa Tango' hat Züge von Filmmusik, die Sätze werden nahezu szenisch geschnitten, hymnische und elegische Momente gehen ineinander über, chorische und solistische Sequenzen bieten Ruhe und Dramatik zugleich. Daneben aber schreckt Bacalov nicht vor dem Breitwandformat zurück, vor der mit viel Blech und Schlagwerk untermalten, jubilierenden Emphase. Und immer wieder übernimmt das Bandoneon in der reich instrumentierten und ausgiebig in Moll modulierten Musik die Führungsrolle, sein klagender Ton durchzieht die Messe wie ein Leitmotiv ..."
"Bacalov indes gestaltet die Form freier zwischen Volkstümlichkeit und Strenge, auch der sparsame Text ist nicht festgelegt auf eine Botschaft im engeren christlichen Sinne des Ordinariums. Es geht um ein universelles Anliegen: Lobpreis des Schöpfers, Bitte um Erbarmen und Vergebung der Sünden, Flehen um Frieden. Das sind durchaus Elemente, die sich auch in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie finden - Glauben ist nicht demütiges Sich-Abfinden mit dem Jammertal in der Hoffnung auf himmlische Erlösung, sondern Kampf im Glauben auf ein besseres Leben hier und jetzt. Insofern ist Bacalovs Werk nicht einfach profan, sondern zutiefst sakral. Seine "Misa Tango" ist nicht nur für den Konzertsaal gedacht, sondern auch für die Kirche. Für eine Kirche, der man bisweilen mehr von der Sinnlichkeit wünscht, die Bacalovs Musik vermittelt und die noch in Hans Leo Hasslers schönem Madrigal von 1601 anklingt: "Tanzen und Springen/Singen und Klingen/Fa-la-la-la ..."
Ob die Mauritiuskirche in ihrer Jahrhunderte alten Präsenz - "mittendrin" heißt das Motto im Jubiläumsjahr 2005 - ein solches Aufeinandertreffen von Tonkonstellationen jemals zu verkraften hatte, ist sicher fraglich. Der Mut, ein solches Klangwerk, bei dem sich Chor und Instrumentalisten die Bälle nicht unbedingt geradlinig zuspielen, zu inszenieren, ist erstaunlich. Aber Martin Künstner, der immer wieder - auch in Betzingen - für musikalische Überraschungen bekannt ist, war sich dieser mit Tönen unterlegten kurzen Textpassagen als Herausforderung bewusst. Seine Taktführung, sein körperhafter Einsatz sein Begleiten der Solisten - Carlo Morini (Bariton) und Carla Paryla (Mezzosopran) - sein Feuereifer, um die Sängerinnen und Sänger über das Melodramatische hinaus vom Piano ins Forte zu motivieren, verlangt höchste Anerkennung.
Man muss eigentlich diese Tango-Messe mehrmals anhören, um über das knappe Libretto hinaus zu verstehen, dass es in Bacalovs Komposition um höchst weihnachtliche Inhalte geht: "Ehre sei Gott in der Höhe und den Menschen auf Erden Frieden". Oder im "Agnus Dei" steht der Hymnus im Vordergrund: "Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme dich unser. Gib uns Frieden."
Ein würdiger musikalischer Abschluss im Jubiläumsjahr der Mauritiuskirche. Die sich zu diesem Konzert einbrachten, deren Beitrag bleibt in bester Erinnerung. Seitenanfang
(Reutlinger General-Anzeiger vom 28.11.2005)
Konzert - Die Betzinger Sängerschaft beweist Mut mit der Aufführung der Misa Tango von Luis Enrique Bacalov
Vom Rhythmus getragene Kirchenmusik
REUTLINGEN-BETZINGEN. Orgel, Bandoneon, Orchester und Chor, Barock und Moderne, Europa und Lateinamerika, Tanz und Gebet - es war einiges los in der 500 Jahre alten Mauritiuskirche. Aber wie passt so Unterschiedliches zusammen? Einmal durch die gleichbleibend hohe Qualität der Ausführung und zum andern gerade durch die Kontrastfreudigkeit eines außergewöhnlichen Programms. Da ging es um Spannung. Um Aufregung und Anregung. Um mitreißende Kraft. Um tiefe Frömmigkeit. Um große Gefühle und um feine Stilistik.
Der Reihe nach. Händels Orgelkonzert Nummer 7 in B-Dur bildete sozusagen das Präludium. Jürgen Schwab spielte dieses Konzert auf einer stilistischen Ideallinie. Locker und leicht schwingend und mit einer atmenden und nie mechanistischen Präzision, was vor allem den schnellen Sätzen bekömmlich gewesen ist. Dazu kamen attraktive Register- und Manualwechsel und ein lebhafter Austausch mit dem Orchester, so dass die Concerto-grosso-Elemente deutlich und mit einem gewissen Schwung zu vernehmen waren.
Für das Zwischenspiel, ein fulminantes Zwischenspiel, ist Daniele di Bonaventura mit seinem Bandoneon zuständig gewesen. Der Musiker mit dem klangvollen Namen - seine Wahlheimat ist Rom - zaubert auf dem kleinen Ding mit den vielen Knöpfen. Er ist ein fantastischer Virtuose und ein Klangmagier sondergleichen. Und ewig lockt der Rhythmus des Tango und der Milonga in seinen Kompositionen, könnte man in Anlehnung an einen nicht ganz unerotischen Film sagen.
Troubadour der Wehmut
Aber es ist noch mehr, was dieser Musiker zum Klingen bringt. Ein Lebensgefühl. Die Seele des Tango. Seine Trauer. Seine Wut. Seine Leidenschaft, Seine Ekstase. Seine dunkle Zärtlichkeit. Seine Verzweiflung. Der Mann spielt sich in Trance. Holt aus dem Bandoneon die schrillsten und die hauchigsten Klänge heraus. Malträtiert es und liebkost es. Lässt es singen und stampfen und weinen. Stimmt einen Choral an und umkreist immer wieder die Melodie von Süße und Schmerz. Ein Troubadour der Wehmut.
Dann das Hauptwerk, die Misa Tango des aus Argentinien stammenden Wahlrömers Luis Enrique Bacalov. Er hat sie im Jahr 1997 komponiert. Ein Werk, das durch hymnische Fülle und fromme Demut beeindruckt und berührt. Durch eine unmittelbare Klangfreude und durch einen fast grüblerischen Ernst. Der Rhythmus des Tango ist stets gegenwärtig, aber auf eine würdige, das Lebensgefühl dieser Musik tragende Weise auch dann, wenn diese Musik mal plakativ in die Vollen geht.
Keine leichte Aufgabe für die Betzinger Sängerschaft, sich in Sprache und Wesen dieses Werkes einzuleben. Sie hat diese Aufgabe mit Martin Künstner großartig gelöst. Künstner dirigiert klar und impulsiv und immer aus einem Rhythmus von innen heraus. Der Chor singt klangvoll beweglich, kontraststark und in Dynamik und Tongebung wie mit einer Stimme. Klagend und dunkel im Kyrie. Vital, enthusiasmiert, vielfarbig, rhythmisch feurig oder wie in einer Litanei auf der Stelle raunend im Gloria; dann am Satzende jauchzend in gleißender Höhe, auf dass die Kirche erbebe. Im Credo fasziniert die effektvolle Breite und der Übergang von klanglicher Pracht in ein überirdisches pianissimo. In den Anrufungen des Sanctus wird der Tango-Rhythmus fast handgreiflich. Gegen die geballte Bläser-Wucht besteht der Chor. Das Agnus Dei wird so ernst wie ein Requiem wiedergegeben. Steigernde Intensität des Chors. Eine verklärte, sanfte Bitte um Frieden.
Das Bandoneon erhebt an manchen Stellen dieser Misa Tango seine klagende Stimme. Daniele di Bonaventura macht das mit Gefühl. Die Solisten, der schneidige Bariton Carlo Morini und Carla Paryla mit einem glanzvoll warmen Mezzo, singen erhebend und mit Energie. Die Süddeutsche Philharmonie musiziert stimulierend bis zur Leidenschaft und innig bis zur Meditation. Exakt. Mit Lust an Farbe und Rhythmus. Fähig zum Panorama des Klangs und zum Eintauchen in die stillen Bezirke dieser Misa Tango. Eine Wiedergabe also, bei der sich alles zu einer Summe gefügt hat. Dafür gab es reichen Beifall. Seitenanfang