4. Reutlinger Classic-Open-Air am 24.07.2004

GEA-Bericht: Ulrike Glage und Ulrike Aringer-Grau


Classic-Open-Air - Gelungene Premiere im Kreuzeiche-Stadion mit 4000 Zuschauern. Parallel wurde eifrig gemessen

Lauschangriff auf Mozart

REUTLINGEN. Stola statt Fan-Schal, Lackschuhe statt Sneakers: Beim Publikum, das am Samstagabend in aufgeregter Erwartung Richtung Kreuzeiche-Stadion strömte, handelte es sich ersichtlich nicht um Fußballanhänger. Im weiten Rund ging es das erste Mal auch nicht um Tore, Flanken oder Fallrückzieher, sondern um Sangeskunst, Taktempfinden und instrumentale Virtuosität: 4000 Opernfreunde zogen Philharmonia Chor und Betzinger Sängerschaft zu ihrem vierten Classic-Open-Air mit Feuerwerk an. Fußballarena statt Bruderhausgelände - eine Premiere und ein Experiment, das die meisten am Ende als überaus gelungen bezeichneten.

Vor allem die Veranstalter, die im Jahr zuvor »nur« 2 800 Zuschauer zählten. An der Kreuzeiche ist freilich platzmäßig auch mehr drin als unten am ZOB, wo bei etwas über 3000 Stühlen das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Dort mussten freilich die Damen und Herren Sänger nicht zum Wischlappen greifen wie im Stadion: Der Chor sorgte eigenhändig für saubere Sitzplätze.

Security als Platzanweiser
Bevor sich die Zuschauer auf denen niedersinken lassen konnten, war bei etlichen das große Suchen angesagt: Orientierungslos irrten sie mit ihren Eintrittskarten umher. »Reihe 17, die gibt's gar nicht«, gab einer beim x-ten Suchlauf schiergar auf. »Saget Se mal, wo isch DD?«, löcherten andere die durchtrainierten Security-Mitglieder, die in Anbetracht des gediegenen Publikums an diesem Abend sicherheitstechnisch gar nicht, als Platzanweiser umso mehr gefordert waren: Das Gros der Besucher war zum ersten Mal im Stadion, da durfte etwas Nachhilfe bei der Sitzplatz-Suche schon sein.

Bei vielen herrschte Neugier auf den neuen Veranstaltungsort, bei manchen Skepsis: Zu nüchtern fanden sie die Sportarena, vermissten das weitläufige städtische Ambiente vom ZOB. Doch spätestens, als es dunkel wurde und die Blicke von der mild beleuchteten Konzertmuschel angezogen waren, sich alles nur noch auf die Musik konzentrierte, da verstummten zunehmend auch die Kritiker. »So hab ich das Stadion noch nie erlebt«, war ein Besucher, der die Kreuzeiche bisher nur von SSV-Heimspielen kannte, sichtlich angetan.

Das Getümmel in der Pause erinnerte dann schon eher an die Szenerie bei Fußballspielen. Mittendrin die komplette Reutlinger Bürgermeister-Riege samt Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. Die war ganz hin und weg. Anders sei's als am ZOB, »aber eine grandiose Kulisse«. Die Verlegung tue nicht nur dem Konzert, sondern auch dem Stadion gut. Und den Veranstaltern: »Ich würde mir wünschen, dass es sich hier fest etabliert.«

Ob dem so ist, liegt ganz wesentlich an den Herren, die vor und während des Konzerts mit ihren technischen Geräten durchs Stadion und die angrenzenden Wohngebiete streiften: Das Experten-Team vom Ingenieurbüro Dröscher, das die Geräusche penibel aufzeichnete und für die spätere Analyse speicherte. Bekanntlich soll ihr Gutachten darüber Aufschluss geben, inwieweit die Grenzwerte des Bundesimmissionsschutzgesetzes eingehalten wurden, was wiederum entscheidend für eine Bebauungsplanänderung und die Zulässigkeit von Veranstaltungen wie dem Open-Air-Konzert im Stadion ist.

»Applaus« bei Mozart, »Stille«, »laute Konzertpassage« - die Experten notieren jede Geräuschquelle, ordnen sie dem gemessenen Pegel zu und können so über die aktuellen Werte hinaus ihre Berechnungen auch für andere Veranstaltungen anstellen. »Man kann«, erklärt Frank Dröscher, »auf diese Weise rausfinden, wie weit nach oben Luft ist, ohne dass unzulässige Belastungen auftreten.« Und sein erster Eindruck vom Classic-Open-Air: »Alles im grünen Bereich.« Endgültiges lässt sich freilich erst nach der Auswertung sagen.

Willi Gödde, der seine Wohnung im zwölften Stock in der Hermann-Ehlers-Straße als Dauer-Messstation zur Verfügung gestellt hatte, war sich schon am Samstag sicher: »Das stört doch keinen Menschen.« Seitenanfang



Classic-Open-Air - Erstmals fand die Reutlinger Opernnacht unter freiem Himmel im Kreuzeiche-Stadion statt

Gelungenes Festival für alle Sinne

REUTLINGEN. Die ersten Feuerwerkssalven begrüßten bereits den Chor, als er über das grüne Spielfeld zum Auftritt schritt. Viertausend Menschen von Nah und Fern waren ins Kreuzeiche-Stadion zum 4. Reutlinger Classic-Open-Air gekommen das Event für alle Opernfreunde. Niemand dürfte enttäuscht worden sein: Ein Opernhighlight reihte sich an das nächste, gleichsam ein Feuerwerk der Hits. Der Spaziergang durch die Operngeschichte begann bei Händel, verweilte bei Mozart, Johann Strauß und Gounod, um dann mit Wagner zu schließen. Alles, was dazugehört, war also aufgeboten. Zusätzlich gab's noch ein paar instrumentale Leckerbissen.

Tonschöne Klangkraft
Die Betzinger Sängerschaft und der Philharmonia Chor Reutlingen, die den Abend unter der Leitung von Multitalent und Initiator Martin Künstner organisiert hatten, waren bestens aufgelegt, über zeugten durch harmonische Einheit und tonschöne Klangkraft. Masse mit Klasse, die sich durch eine erstaunliche Differenzierungsstärke auszeichnete.

Monumental erklangen Händels »Rinaldo«-Chor »Vinto è sol dalla virtu« und »Wenn Tugend und Gerechtigkeit« aus Mozarts »Zauberflöte«, bündig das »Giovani liete, fiori spargete« aus seinem »Figaro«, ein wenig melancholisch, aber mit Esprit ertönte »O habet Acht« aus Strauß' »Zigeunerbaron«, sakral und gleichzeitig weihevoll zeichnete der Chor den Einleitungschoral aus Wagners Meistersingern nach. Die Männer nahmen den Tannhäuser-Pilgerchor sehr gedämpft, die Müdigkeit der Gläubigen war ihnen geradezu anzusehen. Eine kleine Gruppe hatte schließlich die enorm spritzig vorgetragene Wahl zwischen »Wein oder Bier« (Gounod, Faust), der sich der Gesamtchor als Kirmes-Teilnehmer anschloss.

Mit dem Bariton Markus Eiche hatten die Veranstalter einen Glücksgriff getan. Seine tenoral hell gefärbte Stimme gefiel besonders in den Mozart-Arien aus der »Zauberflöte« (wunderbar hier das Flötensolo) und »Don Giovanni«, ebenso überzeugte der Sänger als Gounod'scher Valentin und im »Abendstern« aus Wagners Tannhäuser. Die einfühlsam und mit großer Dramatik verkörperte Partie der Elisabeth aus dem Tannhäuser lag dann auch der Sopranistin Daniela Herrmann, die zuvor Arien von Händel, Mozart und Strauß unnötig schweren und pathetischen Ausdruck verliehen hatte.

Kanae Yamamoto begeisterte
Ein Publikumsmagnet war Kanae Yamamoto, die als Marimbaphonistin die Schlägel kunstvoll über die Holzplatten fliegen ließ. Mit Rimski-Korsakows »Hummelflug«, Khatchaturians »Säbeltanz« (im blutroten Blazer darboten) und Gustav Peters »Souvenir de Cirque Renz« (mit einer Federboa in türkis auf dem Kopf) erspielte sie sich alle Sympathien des Publikums.

Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz zeichnete sich als sensibler Begleiter der Chöre und Arien aus, war in Schostakowitschs »Marsch und Fußball« vom Umfeld angesteckt ganz auf Zack.
Zwei monumentale Werke am Schluss der beiden Programmteile setzten dem Ganzen die Krönung auf: Zunächst Beethovens opulente Chorfantasie, in der Götz Schumacher mit dem viel zu kleinen Flügel und der ansonsten aus gezeichneten Akustik zu kämpfen hatte. Und dann das glanzvolle Finale: die Uraufführung des Hölderlin-Textes »Hymnus an die Liebe« in der Vertonung von Karl Michael Komma das vollendete Höchstmaß der akustischen und visuellen Höhepunkte. Punktgenau war die Inszenierung von Musik, Funkeln und Knallen, die bilderreiche, natürliche Musiksprache des Reutlinger Komponisten paarte sich glanzvoll mit den Reizen des Feuerwerks. Trotz des weniger romantischen Ambientes hat sich auch in diesem Jahr das Konzept des Classic-Open-Air bewährt ein gelungenes Festival für alle Sinne! Seitenanfang


© Betzinger Sängerschaft 26.07.2004