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© Betzinger Sängerschaft
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(Betzinger Blättle vom 26.11.2004)
Unterhaltsamer Zigeunerbaron
Schon im Vorfeld der Aufführung in der Friedrich-List-Halle hatte die Sängerschaft zum Ausdruck gebracht: "Der Zigeunerbaron" von Johann Strauß (Sohn) schwankt zwischen Operette und komischer Oper. Die Geschichte um den jungen Flüchtlingssohn in den Standesquerelen bietet dem Publikum Ohrwürmer wie "Ja, das alles auf Ehr" und "Wer uns getraut".
Enttäuscht konnte eigentlich keiner sein, der am letzten Freitag, Samstag oder dann am Montag der Einladung Folge leistete und all das wahrnahm, was der ungarische Romancier Maurus Jokai als Libretto lieferte und was dann von dem ungarisch-deutschen Journalisten Ignatz Schnitzer bühnenreif bearbeitet wurde. Die Uraufführung fand am 24.10.1885 in Wien statt und hatte die Handlung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zum Inhalt.
Im 1. Akt, so das Bühnenbild von Michael Grauer in Verbindung mit den nötigen Requisiten die Andeutung des Hauses von Kálmán Zsupán (Horst Nussbaum), ein reicher Schweinezüchter, und als Pendant ein Teil der Wagenburg, in der die Zigeunerin Czipra (Regina Lindner) haust. Sie musste mit ansehen, wie Zsupán mehr und mehr die Ländereien des einst reichen alten Barinkay vereinnahmte. Änderung sollte dessen Sohn Sándor Barinkay (Daniel A. Thiersch) bringen, der in den ersten Szenen vom königlichen Kommissär Conte Carnero (Hagen Henning) im Rahmen einer allgemeinen Amnestie sein ererbtes Eigentum zurückerhalten sollte. Der schmissige Barinkay lässt mit seinem Erscheinen aufhorchen, als er zudem um die Hand von Zsupán Tochter Arsena (Ingrid Frey) anhält. Die jedoch liebt Ottokar (Jens Hauke Sippel), den Sohn ihrer Erzieherin Mirabella (Gertraude Rudolph-Sauer). In ihrer ersten Reaktion auf den Heiratsantrag spielt sie noch mit und kann sich eine solche Verbindung nur vorstellen, sofern ihr zukünftiger Mann die Stellung eines Barons einnimmt.
Sándor Barinkay wird im weiteren Verlauf der Szenerie auf die junge Saffi (Adelinde Bohn), die Ziehtochter der Czipra aufmerksam, die ihn in ihrem Gesang an ein Lied seiner Mutter erinnert. Auf dem Weg zur Schlossruine, wo er von Saffi begleitet wird, trifft er auf das Paar Ottokar und Arsena, die wenig Gutes über den Ankömmling verbreiten. Quasi zu Hilfe kommen ihm die Zigeuner, die ihn zum Wortführer gegen den unbeliebten Schweinezüchter machen. Dabei gibt er sich, einer Eingebung Czipras folgend, als Baron der Zigeuner aus, verzichtet wortreich vor Zsupán auf dessen Tochter als Frau und gibt dafür Saffi als seine Gemahlin aus. Die Zurschaustellung Zsupán gelingt: Die Zigeuner tragen ihren Helden triumphierend auf den Schultern zu ihren Behausungen.
Im 2. Akt haben sich die Zigeuner neben der Schlossruine angesiedelt. Czipra verrät Sándor und Saffi das Versteck des Erbschatzes der Barinkays. Die Gegenseite mit Zsupán an der Spitze beobachtet voller Neid die Glückssträhne der Zigeuner. Da tritt Carnero als Sittenwächter mit auf den Plan und macht Barinkay Vorhaltungen wegen des Zusammenlebens mit Saffi. Schelmisch erheben die beiden - "Wer uns getraut" - Dompfaff, Nachtigall und Störche als Trauinstanz. Das Happyend wird mit dem Auftauchen von Graf Peter Homonay (Frank Bossert) jäh unterbrochen. Eine Rekrutierung ist angesagt. Auch Barinkay fühlt sich verpflichtet und opfert den gefundenen Schatz dem Vaterland. Als Carnero erneut die lose Verbindung von Saffi als verwerflich bezeichnet, enthüllt Czipra ein Geheimnis: Saffi sei kein Zigeunerabkömmling, sondern Tochter des letzten türkischen Paschas. Barinkay macht dieser Standesunterschied zu schaffen. Als einzigen Ausweg sieht er, sich - trotz Saffis Klagen - den Soldaten anzuschießen.
Der 3. Akt läuft vor der Wiener Kulisse ab. Der spanische Krieg gehört der Vergangenheit an. Die Bevölkerung empfängt mit Begeisterung die heimkehrende Truppe. Barinkay kehrt mit Auszeichnungen zurück. Die Obrigkeit, Graf Homonay, händigt ihm den Schatz wieder aus und führt ihm Saffi als Braut zu. Zu diesem Paar gesellen sich noch - glücklich vereint - Ottokar und Arsena. Nur der königliche Sittenkommissär wird seiner Rolle enthoben, da seine Kompetenz dem Strukturwandel zum Opfer fiel.
Trockene Handlung? Keinesfalls. Der konzertante Aufwand mit dem Filharmonie-Orchester Filderstadt, nachdem die Musiker zwischen Bühne und Parkett ihren Part unter der konsequenten Taktführung von Martin Künstner einnehmen mussten, war in der Friedrich-List-Halle gewaltig. Nicht minder eindrucksvoll der szenische Ablauf, wo Zigeuner, Zigeunerinnen samt Zigeunerkindern und das Gefolge aus Husaren, Marketenderinnen, Hofherren sowie Hofdamen so manchen Wirbel inszenierten. In allen Stimmlagen sorgten die Mitwirkenden für Furore, damit die Regie-Einfälle - man denke nur an die wechselnden Computer-Animationen im Bühnenhintergrund - zum optischen Schmankerl wurden. Erstaunlich, wie sich die sonst züchtig gekleideten Sängerinnen und Sänger der Betzinger Sängerschaft in ein Volk von Zigeunern verwandelte. Fast kein Kostüm glich dem andern. Zugeschneidert auf das Libretto und die Johann-Strauß-Musik stürzten sich Statisten und tonangebende Personen, unterstützt von Adi´s Tanz-Ensemble, in die Inszenierungs- und Choreographie-Vorgaben.
Ob nun als Oper, Operette oder komische Oper empfunden, diese Gratwanderung spielt bei dem beifallfreudigen Publikum eine untergeordnete Rolle. Ihm kam es vor allem darauf an, sich den Liebling unter den Solisten in dem breiten Repertoire auszusuchen. Dass Horst Nussbaum als reicher Schweinezüchter mit seinem Bariton bei manchem den Vogel abschoss, lag auch an seiner bühnenreifen Gestik. Imponierend auch die Zigeuner in der Person der Altistin Regina Lindner, die mit ihrer Spontanität das Zigeunerleben stimmlich geradezu verkörpert. Sándor Barinkay, der junge Emigrant, fand in dem Tenor Daniel A. Thiersch die die Bühne beherrschende Figur. Nimmt man all die vielen szenischen Effekte - ob nun die vier jungen "Einrädler" (Florian Henning, Miriam und Jakob Künstner, Moritz Peters) und die betagten Kriegsherren auf ihren Vehikeln hinzu - dann waren dies alles Einlagen eines vielfältigen und stimmigen Bühnenauftritts. Bei klassischer Walzermusik mussten die Tanzeinlagen geradezu zwingend folgen, ob angesichts der Wiener Gesellschaft oder bei den Tönen, die den Triumph der Kriegsgewinnler in der Kehle führten. Mit der Betzinger Sängerschaft und mit der Vitalität eines Martin Künstners ist solches schon mal zu machen. Dabei stand die Unterhaltung für den Zuschauer und Zuhörer ganz weit im Vordergrund. Seitenanfang
(Reutlinger General-Anzeiger vom 22.11.2004)
Musiktheater - Strauß-Spieloper mit der Betzinger Sängerschaft. Wien und Puszta: »Der Zigeunerbaron«
Schwelgen in Melodienseligkeit
REUTLINGEN. Wiener Schmelz mit wehen und wilden Puszta-Tönen: »Der Zigeunerbaron«. In der Friedrich-List-Halle erfuhr die Komische Oper von Johann Strauß/Sohn eine schmissige und gefühlvolle Wiedergabe. Die Betzinger Sängerschaft hatte sich mit Elan an die Aufführung dieses zwischen Romantik und Heiterkeit schwebenden Werkes gemacht. Die bewusste Betonung der Musik lässt den zwangsläufigen Verzicht auf große Show-Szenen vergessen. Stattdessen gibt es überraschende Gags. Da bleiben antiquiert gestelzte Worte im Text unwichtig. Die Liebe eines heimkehrenden Emigranten zu einer Zigeunerin, die in Wahrheit eine osmanische Prinzessin ist, bewegt wie eh und je. Dies auch deshalb, weil auf verfremdenden politischen Gegenwartsbezug verzichtet wird.
Dorothee Wertz kaschiert in ihrer Inszenierung gegebene Zwänge durch muntere Einfälle. Sie lässt die Handlung durch eine begleitende Dia-Schau karikierend interpretieren und sorgt mit einem Schweinchen für Belustigung. Die Ankunft der militärischen Werberkolonne auf dem seinerzeit vom Freiherrn von Drais noch nicht erfundenen Veloziped passt allerdings nicht in die ansonsten der Handlungszeit des 17. Jahrhunderts entsprechende Ausstattung mit Kostümen (Anette Kircher) und Requisiten (Judith Kohlmann). Durch Minimierung auf ein halbes Dutzend Soldaten wird die Heimkehr der im Spanien-Feldzug siegreich gebliebenen Habsburger-Armee nicht zur militaristischen Verlockung.
Tänzerische Einlagen
Der von der Sängerschaft getanzte Schatzwalzer markiert Zwischenaktbelebung. Augenweide gibt es durch tänzerische Einlagen vom Adis-Tanz-Ensemble (Choreografie Adelinde Bohn). Der wandelbare Kulissenrahmen von Michael Grauer beweist Gespür für Illustration.
Für musikalischen Schwung sorgt Martin Künstner am Pult, vom Filharmonie Orchester Filderstadt mit Hingabe an Straußens Musik unterstützt. Schon in der Ouvertüre offenbart sich das musikalische Interpretationsziel: Schwelgen in Melodienseligkeit und Rhythmus, in Stimmungsmalerei und Gemüt.
Das Gesangsensemble folgt diesen Vorgaben mit Stimme und Spiellaune. Daniel A. Thiersch zeigt gleich im anspruchsvollen Entree-Couplet, dass er der Titelrolle tenoralen Glanz zu verleihen vermag. Adelinde Bohn gestaltet die Sopranpartie der Saffi mit Wohllaut und Empfindung, anrührend ihre Zigeunerarie. Mit dem hingebungsvoll von Bohn und Thiersch gesungenen Duett »Wer uns getraut« erreicht die Aufführung ihren romantischen Höhepunkt.
Die Altistin Regina Lindner schlüpft leicht zigeunerisch in die Rolle der Czipra. Sehr gefühlsbetont gibt sich Ingrid Frey (Sopran) als Schweinezüchter-Tochter Arsena. Ihr Vater Zsupán wird von Horst Nußbaum (Bariton) seiner ursprünglichen Komikerrolle entkleidet und fügt sich somit geschickt in den dezenten Inszenierungsrahmen ein. Prächtige Charakterisierungen liefern Frank Bossert (Tenor) als Gouverneur und Hagen Henning (Bariton) als Sittenkommissar. In kleineren Rollen bewähren sich Gertraude Rudolph-Sauer (Sopran) als standesbewusste Erzieherin und Jens Hauke Sippel (Tenor) als eifersüchtiger Ottokar. Dazu eine lebensvolle Schar von weiteren Mitwirkenden bis zu Einrad fahrenden Kindern. Dass die Solisten mitunter gegen den Klangvorhang des nicht versenkbaren Orchesters nur schwer ankommen, nimmt das Publikum in der Ex-Aufmarschhalle mit Resignation hin.
Der gemischte Chor der Betzinger Sängerschaft bildet das kraftvolle Rückgrat der Aufführung. Er ist nicht nur Handlungsbegleiter, sondern hat selbst auch fesselnde Szenen: Nettes Kuchenlied, klingender Schmiedechor, markanter Einzugsmarsch.
Der »Schani« hätte an dieser Aufführung seiner Spieloper sicher Freude. Sie lässt übersehen, dass der Junior-Johann auch beim »Zigeunerbaron« kein Librettokunstwerk vertont hat. Anhaltender Bravo-Schlussbeifall für einen ansprechenden Abend. Seitenanfang
(Reutlinger Nachrichten vom 22.11.2004
Operette / Betzinger Sängerschaft führt den "Zigeunerbaron" in der Reutlinger Listhalle auf
Balance im Walzer-Csardas-Takt
Martin Künstner und Dorothee Wertz inszenieren das Werk als Multimedia-Mix
Das hatte Witz und Charme: Die Betzinger Sängerschaft machte aus dem "Zigeunerbaron" von Johann Strauß einen zwischen Ernst und Komik balancierenden Bühnen-Multimedia-Mix. Und zeigte damit eine sorgfältig einstudierte und rundum gelungene Aufführung.
Reutlingen: Das angeblich "leichte" Genre der Operette hat´s schwer. Die Musik zwar ist wertbeständig, aber an Text, Handlung und Figuren hängt soviel Kitsch, Klischeehaftes und längst Überholtes, dass Modernisierungsversuche fast aussichtslos scheinen. Hinzu kommt die Crux mit den Sängern: Operettendarsteller müssen gleichzeitig gut singen und sprechen können, und das können die wenigsten.
Umso höher ist es der Betzinger Sängerschaft und dem Team Martin Künstner (musikalische Leitung), Dorothee Wertz (Regie) und Adelinde Bohn (Choreographie) anzurechnen, dass und wie sie den "Zigeunerbaron" aus der Schmuddelecke geholt und liebevoll aufgeputzt haben, in einer bis ins Detail abgestimmten, großartigen Ensembleleistung.
Das junge "Filharmonie Orchester Filderstadt" unter Martin Künstners Leitung lotete die Ouvertüre mit soviel Ernst und Hingabe aus, dass klar wurde, wieso der Walzerkönig Johann Strauß (Sohn) seinen "Zigeunerbaron" als Oper verstanden haben wollte. Aus den Tiefen des Vorspiels schälte sich frisch und zum Dahinschmelzen schön der Walzer heraus und leitete über ins bunte Geschehen mit Ziehbrunnen und Zigeunerwagen - und einer Projektionswand darüber.
Auf diese wurden die Traum- und Klischeebilder per Computer und Beamer als Projektionen ins Blickfeld gerückt und ironisiert: Fotos der Darsteller, von Puszta und Wiener Hof, Gemälde-Ausschnitte mit Liebespaaren und Schlachtgetümmel, Cliparts mit Münzen, Schweinchen, Mond und Wolken, Geigen oder reitenden Husaren. Eine brillante Idee, die rasch bewegte Animation jedoch hätte auch sparsamer dosiert werden können.
Insgesamt bot sich ein stimmiges, dabei buntes und phantasievolles Bild, die Darsteller ergänzten sich erstaunlich gut in ihren unterschiedlichen Sing- und Sprechweisen. Hatte Daniel A. Thiersch als Barinkay es nicht leicht in den hohen Stimmlagen, bildete er optisch ein wunderschönes Pendant zu Adelinde Bohn, die mit ihrem beweglichen Sopran eine natürliche und koloraturfeste Saffi gab.
Rustikaler Schweinezüchter
Für Amüsement sorgten Horst Nussbaum, Frank Bossert und Hagen Henning als rustikaler Schweinezüchter respektive als kaiserliche Höflinge in Brokat und Perücke mit witzigen und verständlichen Dialogen, gekonnt assistiert von Regina Lindner und Gertraude Rudolph-Sauer als Gouvernante und Zigeunerin, Ingrid Frey und Jens Hauke Sippel als Arsena und Ottokar.
Abgerundet wurde die Inszenierung durch Tanzeinlagen von Adi´s Tanz-Ensemble - da flogen rote Röckchen und bunte Bänder im Csardastakt - und witzige Details: Das Bild der Husaren zu Pferd auf der Leinwand wird kontrastiert mit auf Kleinrädern hereinradelnden uniformierte, Ottokar schwäbelt, die biedermeierliche Volksmenge winkt mit Fähnchen aller Nationen, und Kinder tanzen fröhlich mit über die Bühne oder balancieren auf dem Einrad bezaubernd zum Walzertakt. Die Balance zwischen Ernst und Komik blieb in der Schwebe, mit einer Heiterkeit und Leichtigkeit, die dem Fiktionscharakter der Operette bestens ansteht.
Fast konnte man darüber die harte Arbeit vergessen, die die Einstudierung für die Laien bedeutet. Die Aufführung zeugte von Engagement und Einfühlungsvermögen; der Chor der Sängerschaft zeigte sich bestens bei Stimme und locker-konzentriert bei der Sache. Ein professioneller Opernchor könnte es nicht besser machen. Da hätte es auch des Schweinchens als Zugnummer nicht bedurft - das lag im Leiterwägelchen und spitzte die Ohren - die Aufführung überzeugte als Ganzes und wurde mit lang anhaltendem Beifall bedacht. Seitenanfang