5. Reutlinger Open Air am 16.07.2005

GEA-Bericht: MONIQUE CANTRÉ / JÜRGEN KEMPF und
DANIEL GRAF

Open Air - Im Kreuzeiche-Stadion wurde die 5. »Classic Night« mit Feuerwerk vom Publikum begeistert gefeiert

Ein kulturelles Ereignis

REUTLINGEN. Nach dem letzten Akkord und dem taktgenau abgefeuerten Funkenfinale am Himmel brach das Publikum in Bravo-Jubel aus. »Das war das beste Open Air bisher«, schwärmte ein Stammgast: »Ein Programm aus einem Guss mit einem grandiosen Feuerwerk am Schluss.« Die »Classic Night«, veranstaltet von Philharmonia Chor und Betzinger Sängerschaft unter Leitung von Martin Künstner, wurde vom zu Beginn noch etwas reservierten Publikum am Ende begeistert beklatscht. Der Applaus galt allen: den erstklassigen Solisten, dem großen Chor, der Württembergischen Philharmonie und dem Feuerwerker Andreas Klein.

Weniger Zuschauer
Der künstlerische Erfolg kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Kreuzeiche-Stadion offenbar vom Publikum für klassische Musik nicht so recht angenommen wird. Obgleich eine umsichtige Organisation und viele ehrenamtliche Helfer die im letzten Jahr aufgetauchten Unzulänglichkeiten der Tribüne als »Opernhaus« beseitigt hatten, kamen mit 2 300 Besuchern 900 weniger als beim ersten Versuch 2004, die Fußballarena kulturell zu nutzen.

Auch die Bestuhlung auf dem Rasen war nicht von jedem Sitzplatz aus ideal: Zwar saß man vorne in der Mitte nahe am musikalischen Geschehen und konnte unter anderem die edle Garderobe der Solistinnen genau begutachten, aber die seitlichen Feuerwerks-Wunder blieben dem Blick verborgen.

Die Metzinger Spezialfirma Koch zauberte zum Klang der Opernmusik eine Lichtshow, die in ihrer dezenten Form gut ankam, doch gegen Ende zu aufdringlich erschien. Perfekt war nach einer kleinen Korrektur für die Zuhörer auf der Tribüne Peter Jehles Ton-Technik.

Aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres, als es Kritik am unzureichenden Bewirtungskonzept gegeben hatte, haben die Veranstalter um Philharmonia-Chor-Chefin Margret Reber gelernt und versuchten es am Samstag und gestern besser zu machen. Und das gelang ihnen, denn die engagierten Wirte, ein Dreier-Gespann aus Reutlingen, Eningen und Mössingen, hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und eine »Party-Meile« auf die Freifläche hinter die Haupttribüne gelegt, die sich sehen lassen konnte: Schon am Eingang fiel ein mächtiger blauer Zaun ins Auge, der aus einem Zirkus-Fundus stammte. Einer der findigen Gastronomen hatte die Teile dort geliehen.

Das gastronomische Angebot war wesentliche vielfältiger als im vergangenen Jahr: Edle Schnittchen, Salat mit Putenbruststreifen, Flammkuchen - es war einiges geboten. Und die Preise? Die waren weitgehend in Ordnung. Mit einer Ausnahme: drei Euro für 0,3 Liter Bier, das ist ein bisschen arg deftig, auch wenn man in Rechnung ziehen muss, dass der Aufwand für die Gastronomen hoch ist.

Vielleicht können die Wirte angesichts des prächtigen Wetters gestern etwas zufriedener vom Platz gehen, denn am Samstag lief das Geschäft bedingt durch die reduzierte Zuschauerzahl nicht ganz so, wie man es sich vielleicht vorgestellt hatte. Da spielte das zweite Konzert, aber auch die unsichere Wetterlage eine Rolle. Seitenanfang



Konzert - »Classic Night« beim 5. Reutlinger Open Air im Kreuzeiche-Stadion unter Leitung von Martin Künstner

Ein musikalisches Feuerwerk

REUTLINGEN. Sie sollte eines der Highlights werden im Reutlinger Kulturleben 2005 - und sie hat die Erwartungen vollauf erfüllt. Die »Classic Night« am Samstag war in der Tat das versprochene Ereignis: Musikdramatik im Festspiel-Gewand, ein Potpourri durch die Höhepunkte vorwiegend italienischer Opernliteratur; das Ganze dargeboten von einem gut aufgelegten Orchester, einem exzellenten Chor und einer ganzen Reihe von hervorragenden Solisten.

Allen voran Markus Eiche. Sein Bariton verfügt über größte Beweglichkeit und warm leuchtenden Schmelz, dazu über eine Artikulation, die an diesem Abend eine Klasse für sich ist. Rossinis Barbieren mit seiner halsbrecherischen Kavatine gibt er ebenso überzeugend wie dessen Widerpart im Mozart'schen »Figaro« und den Germont in »La Traviata«.

Auch Carmen Mammoser (Mezzosopran) kann mit Verdi brillieren. Der Fenena aus »Nabucco« verleiht sie raumgreifende Präsenz, freilich ohne auf die mindeste Effekthascherei angewiesen zu sein. Sie kann hier ganz ihrer Stimme und ihrer tadellosen Technik vertrauen, mit der sie auch Azucenas exaltierte Arie »Lodernde Flammen« meistert. Einzig bei der Arie der Eboli sind die Spitzentöne ungewöhnlich unsicher von unten angesungen - die einzige Schwäche in einem hochprofessionellen Auftritt.

Zarte Schattierungen
Der Countertenor Daniel Gloger hat dagegen etwas Mühe in tiefer Lage, beeindruckt als Glucks Orpheus aber mit glänzender Intonation bei Hochtönen und Melismen, mit Beispiel gebendem Vibrato-Einsatz und hoher Phrasierungskunst. Wie er dem Ton zarte Schattierungen gibt, wie er ihn anschwellen und sanft ins Piano kippen lässt - großartig.

Eine souveräne Vorstellung boten auch Mathias Schlachter (Tenor) und Olga Peretyatko (Sopran), die das Gesangssolisten-Quintett komplettierten. Doch halt, das stimmt nicht ganz. Denn mit Mirjam Künstner und Janike Kies sorgten noch zwei ganz junge Nachwuchstalente für Begeisterung. Als Bastien und Bastienne in Mozarts gleichnamiger Oper sangen sie das Duett »Geh! Herz von Flandern!«, und auch im Publikum gingen da die Herzen auf.

Last but not least Albrecht Holder am Fagott: ein Genuss! Keck im Ausdruck und dann wieder mit inniger Anmut in den kurzen elegischen Partien spielt er Kalivodas »Thema mit Variationen« op. 57. Und die Läufe gelingen ihm sowieso scheinbar mühelos, gleichgültig in welchen Lagen und Tempi. Das Fundament für solche solistischen Höhenflüge legten Dirigent Martin Künstner und sein souverän agierendes Ensemble. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen musizierte nach kleineren Anfangsschwierigkeiten insbesondere im zweiten, Giuseppe Verdi gewidmeten Teil mit höchster Konzentration und Dichte. Das hinzugekommene Blech verlieh dem Klangkörper zusätzliche Vehemenz und Prägnanz - zwei Eigenschaften, für die an diesem Abend vor allem auch der Chor stand.

Das Vokalensemble aus Betzinger Sängerschaft und Philharmonia Chor Reutlingen war geradezu eine Bank. Ein Muster an Vollstimmigkeit und Homogenität, voll präsent von der ersten Note an und auch in den geteilten Chören erstaunlich klangsatt und ausgewogen.

Lauter Funkenregen
Als am Ende des Abends unter freiem Himmel zum berühmten Triumphmarsch und dem Finale des zweiten Aktes aus Giuseppe Verdis Oper »Aida« dann ein absolut gigantisches Feuerwerk abgebrannt wird, hat das freilich den kleinen Nachteil, dass die Musik unter dem Lärmen und Leuchten ein wenig zur Nebensache wird. Aber die Ausführenden auf der Bühne hatten zuvor ja bereits selbst ein wahres Feuerwerk gezündet. Seitenanfang


© Betzinger Sängerschaft 25.07.2005